“Profil als Naturistinnen und Naturisten zeigen”
Von Christoph Müller

Es ist unglaublich, was derzeit an vielen Orten in Westeuropa wieder geschieht. In den letzten Tagen wird das kleiderlose Sonnenbad wieder einmal in Frage gestellt. In München haben Ordnungskräfte Frauen an der Isar untersagt, ohne Bikini-Oberteil am Flussufer zu liegen. Im österreichischen Bundesland Vorarlberg wird betont dass das naturistische Sonnenbad sowie das Oben-Ohne-Sonnenbad vom Sittengesetz untersagt sind. (*)
Warum geschieht denn das? Welchen Sinn hat das Verbot? Nachvollziehbar ist das Ganze nicht. Es zeigt aus meiner Sicht, dass sich die Gesellschaften zunehmend in Richtung Prüderie bewegen. Es gehört sich nicht, sich allzu freizügig in der Öffentlichkeit zu bewegen. Es scheint so, dass nackte Menschen als eine Gefährdung bzw. eine Bedrohung wahrgenommen werden. Nur leider sagt uns Naturistinnen und Naturisten niemand, wen wir bedrohen.

Es hätte ja etwas Amüsantes, wenn die zeitgenössischen Gesellschaften ihre Freude am Spielerischen entdeckt hätten. Der bekleidete Körper einer Frau oder eines Mannes kann ja als Bühne für etwas Sinnliches dienen. Die Phantasie eines einzelnen Menschen kann motiviert werden, wenn sich sie oder er in einem attraktiven Bikini oder einer attraktiven Badehose bewegen. So kann aus der Inszenierung eines Einzelnen die Begeisterung für etwas Verspieltes erwachsen.

Für uns Naturistinnen und Naturisten erscheint dies unverständlich. Wir entkleiden uns, weil wir uns erst einmal freier fühlen, wenn wir die Hemden, Blusen und Hosen ausziehen. Gerade im Sommer ist die Hitze somit erträglicher. Noch mehr: Hinter dem Entkleiden steckt ja eine Idee – vom sich steigernden Einklang mit der Natur und von dem Genießen des In-der-Natur-Seins.

Den Frauen an der Isar wird es nicht anders ergangen sein. Sie wähnten sich in dem Gefühl, in einer liberalen Gesellschaft zu leben, in der das Oben-ohne-Sonnenbad als etwas Natürliches erlebt wird, das keinen gesellschaftlichen Aufschrei mehr erlebt. Sie haben sich mit Sicherheit nicht in die Sonne gelegt, um sexuelles Interesse zu wecken.

Was mich inzwischen erstaunt, ist der ausbleibende Aufschrei der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die Spaß am freizügigeren Sonnenbad oder an der Freikörperkultur haben. In den vergangenen fünf Jahrzehnten haben Menschen uns allen die Freiheit erstritten, dass wir freizügiger leben können. Der Kampf um das Entblößen und Nacktsein ist in den 1960er-und 1970er-Jahren erbittert geführt worden. Dies führte dazu, dass in den 1980er-und 1990er-Jahren die entblößte Frauenbrust und der entblößte Körper zu einer Alltäglichkeit werden konnten.

Seitdem das Internet an Bedeutung gewonnen hat, sind Nacktheit und Entblößung auf einen Klick hin zugänglich. Die Freiheit der Naturistinnen und Naturisten wird seitdem weniger. Auf der einen Seite müssen sich Naturistinnen und Naturisten überlegen, wo, wann und wie sie sich entblößen. Schließlich wissen sie nicht, ob sie gleichzeitig gefilmt und fotografiert werden. Gleichzeitig kann die Aufregung um das Topless-Sonnenbad sicher als eine Abwehr gegen die Nacktheit verstanden werden.

Ich hoffe dass ihr den 7. Juli als Welt-Naturisten-Tag zum Anlass genommen habt, um unser Profil als Naturistinnen und Naturisten zu zeigen. Oder wollen wir uns die Freiheit nehmen lassen, barfuß bis zum Hals leben zu dürfen?

Christoph Müller ist EU-Assessor der Internationalen Naturisten-Föderation (INF-FNI).

(*) Auf Grund massiver Beschwerden wurde das Verbot vorerst zurückgenommen, bleibt aber weiterhin in den Parkanlagen bestehen.