Illustration map of Luxembourg

Map of Luxembourg, Polygonal mesh line map, flag map

Ein idyllisches Plätzchen in einem Wald in der Nähe von Luxemburg-Stadt. Den genauen Standort kennen
nur Mitglieder oder eventuell Hundebesitzer, deren Vierbeiner sich gerne mal ins Zwielicht der Bäume zurückziehen. Der Weg führt von der Straße weg durchs Gebüsch hin zu einem grünlichen Tor, das sich nur mithilfe eines Codes öffnen lässt. Dahinter verbirgt sich eine kleine „Oase des Friedens“, wie Armand Ceolin sie beschreibt. Seit vielen Jahren verbringt der 65-Jährige seine Freizeit am liebsten auf der vier Hektar großen Lichtung, denn nur hier kann er wirklich er selbst sein.
Naturismus nennt sich die Bewegung, die ein paar Hundert Familien in Luxemburg begeistert.

Die Philosophie hinter dem etwas esoterisch klingenden Namen dreht sich um das Leben im Einklang mit der Natur, sich selbst und den Menschen um sich herum. Kleines Detail: das Nacktsein.

Wer jetzt allerdings gleich an freie Liebe oder NackedeiTreffen à la Kommune I denkt, wird schnell von Armand Ceolin eines Besseren belehrt: „Naturismus ist nicht gleich Nudismus. Ein Nudist lebt einfach gerne ohne Bekleidung. Das tun wir zwar auch, allerdings immer mit dem Fokus auf unsere Philosophie der Naturverbundenheit.“ Als Sekretär der „Sports et Loisirs Naturistes Luxembourg a.s.b.l.“ (SLNL) zieht der Rentner eine klare Trennlinie zwischen seinem Lebensstil und anderen Formen des Nacktseins.  „Der Begriff FKK, also Freikörperkultur, gefällt mir persönlich zwar ganz gut, allerdings wird er oft fälschlicherweise von der Erotikindustrie für Swinger-Clubs verwendet. Davon wollen wir uns ganz klar distanzieren“, erklärt Ceolin.

SEX IST VERBOTEN
Öffentliches Ausleben von Sexualität stehe in keinster Weise in Verbindung mit einer naturistischen Lebensweise – im Gegenteil: „Auf den Grundstücken lizenzierter Naturistenvereine ist sie strikt per Regelung verboten. Sexuelle Handlungen gelten als absolutes Tabu und führen zum sofortigen Ausschluss aus der Gemeinschaft.“ Auch würde man einen Naturisten nie nackt durch die „Groussgaass“ spazieren sehen, denn exhibitionistisch veranlagt seien wahre Naturisten keineswegs. Vorurteile, die die SLNL bekämpfen möchte.

Es handelt sich vielmehr um eine Freizeitbewegung, die ihre Anfänge Ende des 19. Jahrhunderts hat und mittlerweile weltweit Menschen dazu animiert, die Hüllen fallen zu lassen. Natürlich in einem geregelten Rahmen, denn wer sich offiziell als Naturist bezeichnen will, benötigt eine Lizenz der Internationalen Naturisten Föderation (INF-FNI).

In Luxemburg widmen sich gleich zwei Vereine dem Thema: Neben der SLNL gibt es noch die „Naturisme De Poufank a.s.b.l.“, die ihren Sitz in der Nähe von Schoenfels hat. Bei der SLNL sind 154 Familien, Paare und Einzelpersonen eingeschrieben. Die a.s.b.l. organisiert regelmäßige Treffen und Aktivitäten auf ihrem Gelände oder trifft sich zum Entspannen auf dem bereits erwähnten Plätzchen im Wald. (verstinn net wou do den wierklechen Ënnerscheed ass) „Ich denke, was uns alle verbindet, ist dieses Wohlgefühl, wenn man seine Kleider ablegt und sich über manche Tabus hinwegsetzt“, meint Ceolin mit Blick durchs Klubhaus-Fenster hinaus auf die Rasenfläche.

FAMILIENFREUNDLICH UND NATURVERBUNDEN
Volleyball-Spielfeld, Pétanque-Anlage, Swimming Pool, Grillplatz, Rutsche für die Kleinen – hier soll jeder entspannen können. Um das friedliche Beisammensein unter Nackedeis zu ermöglichen, gibt es einen Verhaltenskodex. „Badeanzug und Schwimmshorts sind bei uns nicht gestattet, dafür gibt es ja genug andere öffentliche Orte. Ansonsten gelten einfach die normalen Regeln des ‚bon sens’“, sagt Ceolin. Vor allem die Tatsache, dass unter Naturisten jeder akzeptiert wird, gefällt dem SLNL-Sekretär sehr. Es gehe nicht um Schönheitsideale oder den Anblick des nackten Körpers, sondern
um die Verbundenheit mit der Natur, welche durch das Nacktsein verstärkt empfunden werden soll. Kleidung
wird von Naturisten als eine Art Störfaktor empfunden, der diese Verbindung unterbricht Ein Gedanke, der auch auf internationaler Ebene Anklang findet. Über die Internationale Naturisten Föderation werden regelmäßig Events organisiert, an denen auch die Mitglieder aus Luxemburg gerne teilnehmen. Ob Schwimmgala in Paris, Familientreffen
in Spanien, Strandurlaub in Deutschland oder Weltkongress in Neuseeland – wer das freie Körpergefühl wirklich auslebt, der findet überall eine Gemeinschaft.

Für die Zukunft der SLNL wünscht sich Ceolin frischen Wind: „Wir haben derzeit ein neues Komiteemitglied, das
unter 30 Jahre alt ist. In diese Person setzen wir große Hoffnungen.“ Um den Verein weiterführen zu können, hoffe man auf mehr Interesse der jüngeren Generation.

„Wir sind als Verein zufrieden, denn wir haben all das erreicht, von dem wir nie zu träumen gewagt hätten. Aber auch wir fangen an, müde zu werden“, meint der 65-Jährige. Denn trotz des ausbalancierten Innenlebens – dank der direkten Sonnenbestrahlung und der frischen Brise auf nackter Haut – werden auch die Luxemburger Naturisten irgendwann älter und freuen sich, wenn die nächste Generation das Ruder auf der versteckten Waldwiese übernehmen wird.

DREI FRAGEN AN SLNL-SEKRETÄR ARMAND CEOLIN
Wie kam es zum Naturismus?
Der Gedanke stammt ursprünglich von Ärzten, die bei ihren Behandlungen wieder eine engere Verbindung zur Natur suchten. So entstanden beispielsweise Lichtbäder oder Heliotherapie. Hierzulande gab es einen Priester, Abbé Neuens, der in Weilerbach ein Naturistenzentrum eröffnete. Das war aber eher medizinisch ausgerichtet.  In Europa florierte Naturismus, vor allem in Deutschland. 1894 wurde in Essen der erste Verein gegründet, der auch heute noch existiert.

Wo kann man in Luxemburg Naturismus ausleben?
Natürlich auf unserem Gelände und dem des anderen Vereins. Dann gibt es am Stausee einen FKK-Bereich und in Remerschen werden Nacktbader auch geduldet. Außerdem existieren zwei Campingplätze für Naturisten: einmal die Fuussekaul in Heiderscheid mit etwa 100 Stellplätzen und dann noch Bleesbrück, das ebenfalls einen getrennten Teil mit 25 Plätzen für FKKler besitzt.

Und wie sieht es mit der Jugend aus?
Dazu gibt es eine sehr schöne rezente Erfahrung. Im Mai sind wir von der Villa Vauban eingeladen worden, um an einer Nacktführung durch die Ausstellung „Plakeg! Le nu autour de 1900“ teilzunehmen. Insgesamt waren wir zu 38. Was mich sehr erstaunt hat, war die Tatsache, dass sich unsere sämtlichen jüngeren Mitglieder eingeschrieben haben. Die meisten von ihnen sehen wir auf unserem Gelände eher selten, aber bei solchen Aktionen scheint das Interesse dann doch auch bei jungen Menschen relativ groß zu sein.

Text: Laura Tomassini

Bild von Allexxander auf Freepik